Selbsthilfe

Leitfaden der Selbsthilfe

Wichtige Grundsätze für ein erfolgreiches Arbeiten

  • Selbstbetroffenheit: Jede/r geht in erster Linie um seiner selbst willen in die Gruppe, nicht um anderen zu helfen.
  • Freiwilligkeit: Die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe ist ein freiwilliger, eigenverwantwortlicher Entschluß.
  • Verschwiegenheit: Alles, was in der Gruppe besprochen wird, muß in der Gruppe bleiben (Gruppenschweigepflicht).
  • Gleichberechtigung / gleiche Verantwortung: Alle Gruppenmitglieder sind gleichberechtigt, es gibt keine Leitungsperson. Dies ist ein wichtiges Wesensmerkmal von Selbsthilfegruppen und sollte im Selbstverständnis jedes Gruppenmitgliedes tief verankert sein. Inhaltliche und organisatorische Aufgaben werden von allen Gruppenmitgliedern selbstverantwortlich erledigt.
  • Selbstbestimmung: Die Autonomie der Selbsthilfegruppe ist unantastbar – unabhängig davon, in welchen Räumen sie sich trifft. Alleine die Gruppe bestimmt ihre eigenen Ziele und Arbeitsweisen.
  • Verbindlichkeit*: Die Teilnahme an einer Gruppe sollte für alle Gruppenmitglieder verbindlich sein. Ist ein/e Teilnehmer/in verhindert, sollte er/sie ein anderes Gruppenmitglied darüber informieren. So braucht die Gruppe nicht über die Gründe des Fernbleibens zu spekulieren und kann sich ungehindert auf ihre Arbeit konzentrieren.
  • Pünktlichkeit: Die Gruppentreffen sollten immer pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt beginnen. Das pünktliche Erscheinen aller Gruppenmitglieder sollte selbstverständlich sein. Zu spät Kommende stören den Ablauf der Gruppensitzung ganz erheblich.
  • Kostenlosigkeit: Die Teilnahme ist kostenlos (außer evtl. Kosten für Anleitungshilfen, Raummiete oder Arbeitsmaterial etc..).
  • Essen und Trinken: Während einer Gruppensitzung sollte weder geraucht noch gegessen werden, da dies die Disziplin und die Konzentrationsfähigkeit mindert. Die Gruppe kann stattdessen kleine Pausen einlegen.
  • Verlassen der Gruppe*: In der Regel kann man erst nach einem längeren Erfahrungszeitraum beurteilen, ob die Gruppe eine Bereicherung ist oder nicht. Eine Entscheidung gegen eine weitere Teilnahme sollte in der Gruppe persönlich mitgeteilt und nicht über ein anderes Gruppenmitglied ausgerichtet werden. Diese Vorgehensweise entlastet die Gruppe von Spekulationen über den Austritt und hilft eventuelle Mißverständnisse zu klären. Die Entscheidung eines Gruppenmitgliedes, nicht mehr teilnehmen zu wollen, sollte von allen akzeptiert werden. Niemand soll zur Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe überredet werden.

Warum Selbsthilfe? – Möglichkeiten und Grenzen

  • Persönliches Wachstum – Das Geschehen in einer Selbsthilfegruppe bedeutet für jeden Teilnehmer einen Prozeß zunehmender Selbsterfahrung und Selbstentwicklung. In einer Selbsthilfegruppe können wichtige Fähigkeiten eingeübt und erlernt werden. Die Fähigkeit zuzuhören, Kontakte zu schließen, Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse angemessen und angstfrei auszudrücken, die eigene Meinung offen zu äußern, Kritik so zu formulieren, daß sie für andere annehmbar ist, Kritik selbst anzunehmen, Konflikte bewußt durchzustehen, anstatt sie zu verdrängen. Dadurch können Krankheiten, Behinderungen, seelische Konflikte oder Lebenskrisen häufig weit besser als zuvor bewältigt und weitergehende Perspektiven für das eigene Leben entwickelt werden.
  • Kontakte – Durch die regelmäßigen Treffen kann die Einsamkeit und Isolation vieler Betroffener abgebaut werden. Die Gruppe kann den in einer Krise so nötigen emotionalen Rückhalt und Geborgenheit vermitteln. Oft entwickeln sich auch über die Gruppentreffen hinaus weitere gemeinsame Aktivitäten und private Kontakte.
  • Entlastung – Im Austausch mit Gleichbetroffenen können die Mitglieder erfahren, daß sie mit ihren Sorgen und Problemen keineswegs allein sind. Sie können sich offen und ohne die gegenüber Nichtbetroffenen oft gehegte Rücksicht aussprechen und sich damit seelisch entlasten.
  • Erfahrungsaustausch – Im Austausch mit Gleichbetroffenen können die besonderen Schwierigkeiten, die mit der eigenen Situation verbunden sind, sehr offen und genau betrachtet werden. Die Erfahrungen der anderen Teilnehmer können wie ein Spiegel für die eigene Situation wirken: Sie helfen den Eigen- und den Fremdanteil an den eigenen Schwierigkeiten besser einzuschätzen. Sie machen durch den Vergleichmit den Anderen den eigenen, ganz persönlichen Umgang mit dem Problem deutlich und sie eröffnen neue Sichtweisen. So führen die Erfahrungen der anderen zu einem besseren Verständnis der eigenen Situation. Sie ermutigen, neue Wege in der eigenen Lebensbewältigung zu gehen.
  • Selbstsicherheit – Im Schonraum der Gruppe können neue Erfahrungen mit der eigenen Person gesammelt, kann mit dem eigenen Verhalten experimentiert und neues Verhalten eingeübt werden. Der bewußte Umgang mit sich selbst und mit anderen führt dazu, selbstbewußter zu werden und zunehmend wertvolle Selbstsicherheit für den Alltag zu gewinnen.
  • Solidarität und gemeinsames Handeln – Selbsthilfegruppen stärken die Solidarität untereinander. Das bringt echtes Verständnis, Trost und neuen Mut hervor. Gemeinsam können die Mitglieder ihre Interessen besser verfolgen und durchsetzen als allein, z.B. indem sie sich gemeinsam an Behörden, die Öffentlichkeit, Politiker oder Entscheidungsträger wenden. Viele Gruppen bieten auch anderen Betroffenen außerhalb der Gruppe wertvolle Hilfe durch Beratung und Interessensvertretung an.
  • Austausch wichtiger Informationen – Durch das gesammelte Wissen und den Erfahrungsschatz der Gruppenmitglieder können berufliche Helfer und ihre Angebote (Ärzte, Kliniken, Psychologen, Theraphiemöglichkeiten) gezielter, sachkundiger und auch kritischer genutzt werden.
  • Ermutigung – Der Schritt in eine Selbsthilfegruppe bedeutet neue Wege in der Bewältigung des eigenen Lebens auszuprobieren. Selbsthilfegruppen machen Mut, über die Notwendigkeit und Möglichkeit der eigenen Veränderung nachzudenken, anstatt ­ in der Regel vergeblich ­ darauf zu warten, daß sich die Umgebung ändert. In Selbsthilfegruppen entdecken Menschen einen wichtigen erfolgversprechenden Ansatzpunkt, um ihre Lebenssituation zu verändern, nämlich bei sich selbst und den eigenen eingefahrenen Verhaltensweisen zu beginnen.
  • Grenzen von Selbsthilfegruppen – Wenn auch in einer Selbsthilfegruppen (gerade in der Anfangsphase) vieles nicht reibungslos läuft und manche Erwartungen nicht so schnell (wie man es sich wünscht oder erhofft) erfüllt werden, sollte man die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. Man braucht Zähigkeit, Geduld, Offenheit und Einfühlungsvermögen, um sich und anderen in einer Selbsthilfegruppe zu helfen. Wer diese Eigenschaften nicht einbringen will (möchte) oder kann, für den ist eine Selbsthilfegruppe vermutlich nicht der richtige Weg.
  • Selbsthilfegruppen sind kein Ersatz für eine therapeutische Behandlung durch Fachleute. Sie sind eine notwendige und sinnvolle Ergänzung.
  • Selbsthilfegruppen sollen auch keine Leistungen im Gesundheits- und Sozialbereich einsparen helfen, die bisher von öffentlichen Trägern wahrgenommen oder finanziert wurden. Selbsthilfegruppen dürfen nicht von professionellen Helfern als Ersatz für ihre Arbeit mißverstanden und eingesetzt werden.

* (für Anonyme Selbsthilfegruppen gelten die Punkte Verbindlichkeit und Verlassen der Gruppe nicht in dieser Form)

Quelle:
KISS Nürnberg – Wichtige Regeln für Selbsthilfegruppengelesen am 13.03.2011, 15:18 Uhr